KORA STIMMEN · INTERVIEW

„Unsere Geschichten aus unseren Perspektiven erzählen“ – KORA im Gespräch mit Glenda Obermuller

Kulturarbeiterin, Community-Aktivistin und Mitgründerin der Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek: Im Gespräch mit KORA spricht Glenda Obermuller über Community, Schwarze Geschichte, Literatur, Safe Spaces, Empowerment – und darüber, warum es wichtig ist, die eigenen Geschichten selbst zu erzählen.

Glenda Obermuller bei der Stimmen Afrikas-Lesung
Glenda Obermuller bei der „Stimmen Afrikas“-Lesung · Foto: © Herby Sachs

KORA GESPRÄCH

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Glenda Obermuller im Gespräch mit KORA über Community, Schwarze Geschichte, Literatur, Safe Spaces, Empowerment und die Kraft des Storytellings.

Von Guyana nach Deutschland

Glenda Obermullers Geschichte beginnt in Guyana. Mit 23 Jahren kommt sie nach Deutschland – in ein Land, dessen Sprache sie zunächst nicht spricht und in dem sie sich ein neues Leben aufbauen muss.

Ihr Weg ist geprägt von Bildung, Beharrlichkeit und dem Wunsch, sich eigene Möglichkeiten zu schaffen. Nach Sprachkursen holt sie am Abendgymnasium ihr Abitur nach und studiert anschließend Sonderpädagogik an der Universität zu Köln.

Literatur begleitet sie dabei schon lange. Bereits als Kind liest sie viel; später wird sie zu einem wichtigen Bestandteil ihres Studiums und schließlich auch ihrer gesellschaftlichen Arbeit.

Im Gespräch mit KORA wird deutlich: Der persönliche Weg und das heutige Engagement lassen sich bei Glenda Obermuller kaum voneinander trennen.

Community bedeutet mehr als Zusammenkommen

2017 gehört Glenda Obermuller zu den Mitgründer*innen der Sonnenblumen Community Development Group e. V.

Die Idee dahinter: Schwarze Menschen sollen Räume haben, in denen ihre Erfahrungen nicht ständig erklärt oder gerechtfertigt werden müssen. Räume für Austausch, Bildung, Kultur, politische Teilhabe und gegenseitige Unterstützung.

Im Laufe der Jahre war sie an der Gründung verschiedener Netzwerke und Initiativen beteiligt – darunter N-Wort Stoppen, Black Sister*hood NRW, Proud e.V. Darüber hinaus wirkte sie an Angeboten und Safe Spaces insbesondere für Schwarze Frauen mit.

Dabei geht es nicht darum, sich von der Gesellschaft abzuschotten. Safe Spaces können vielmehr Orte sein, an denen Menschen Kraft sammeln, sich organisieren und ihre eigenen Perspektiven entwickeln können.

Und genau daraus kann gesellschaftliche Teilhabe entstehen.

Eine Schwarze Bibliothek mitten in Köln

Ein besonders sichtbares Ergebnis dieser Community-Arbeit ist die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek.

Nach den Black-Lives-Matter-Protesten 2020 bildeten sich innerhalb der Schwarzen Community in Köln verschiedene Arbeitsgruppen. In einer dieser Gruppen entstand die Idee für eine eigene Schwarze Bibliothek.

2022 wurde sie Realität: Die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek öffnete als erste Schwarze Bibliothek Nordrhein-Westfalens ihre Türen.

Heute ist sie nicht nur ein Ort für Bücher. Sie ist Treffpunkt, Bildungsort, Veranstaltungsraum und Safe Space zugleich.

Der Name erinnert an Theodor Wonja Michael, einen bedeutenden afro-deutschen Zeitzeugen, Schauspieler und Autor.

Die Bibliothek macht Literatur und Wissen sichtbar, die in klassischen Bibliotheken, Lehrplänen oder öffentlichen Debatten häufig weniger Raum bekommen.

Literatur als Werkzeug gegen die „Single Story“

Literatur spielt im Gespräch mit Glenda eine zentrale Rolle.

Denn Bücher vermitteln nicht nur Wissen. Sie können auch Vorstellungen verändern.

Wer immer nur eine einzige Geschichte über Afrika, Schwarze Menschen oder Migration hört, entwickelt zwangsläufig ein begrenztes Bild.

Die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek möchte genau diesem Prinzip der „Single Story“ etwas entgegensetzen.

Schwarze Literatur bedeutet dabei nicht nur Literatur über Rassismus.

Sie erzählt von Liebe, Familie, Alltag, Politik, Geschichte, Humor, Kunst, Widerstand, Spiritualität, Identität – kurz: von der ganzen Vielfalt menschlicher Erfahrungen.

Für Glenda Obermuller kann Literatur deshalb auch einen Perspektivwechsel ermöglichen und helfen, rassistische Bilder und Denkweisen zu hinterfragen.

„Unsere Geschichten aus unseren Perspektiven erzählen“

Ein Gedanke zieht sich besonders stark durch Glenda Obermullers Arbeit:

„Es ist wichtig, unsere Geschichten aus unseren Perspektiven zu erzählen.“

Dieser Satz trifft auch einen Kern dessen, was KORA Radio sein möchte.

Denn die Frage lautet nicht nur: Wer wird sichtbar?

Sondern auch: Wer erzählt? Wer entscheidet, welche Themen wichtig sind? Wer bekommt die Möglichkeit, sich selbst zu definieren?

Viele Geschichten über Afrika und die afrikanische Diaspora wurden lange überwiegend von außen erzählt.

Eigene Medien, Bibliotheken, Kulturvereine, Podcasts oder Radiosender schaffen deshalb etwas Entscheidendes:

Menschen werden nicht nur Gegenstand einer Geschichte – sie werden selbst zu ihren Erzähler*innen.

Das bedeutet nicht, dass es nur eine Schwarze Perspektive gibt. Im Gegenteil.

Die afrikanische und afro-diasporische Community in Deutschland ist vielfältig.

Gerade deshalb braucht sie viele Stimmen.

Safe Spaces – und gleichzeitig Dialog

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Gesprächs ist die Frage, wie Empowerment innerhalb der Community und Dialog mit der Gesamtgesellschaft zusammenpassen.

Für Glenda Obermuller ist beides notwendig.

Sie setzt sich einerseits dafür ein, Strukturen aufzubauen, in denen Schwarze Menschen sich frei entfalten und organisieren können.

Gleichzeitig betont sie die Bedeutung der Zusammenarbeit mit der weißen Mehrheitsgesellschaft.

Denn gesellschaftliche Strukturen können nicht allein von den Menschen verändert werden, die von Diskriminierung betroffen sind.

Es braucht Begegnung, Bildung und die Bereitschaft zuzuhören.

Und es braucht Institutionen, die Verantwortung übernehmen.

Schwarze Geschichte ist deutsche Geschichte

Glenda Obermuller war außerdem Teil des von der Stadt Köln eingesetzten Expert*innengremiums zur Aufarbeitung des (post)kolonialen Erbes Kölns.

Das Gremium entwickelte Handlungsempfehlungen dafür, wie sich die Stadt kritisch mit ihrer kolonialen Vergangenheit und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart auseinandersetzen kann.

Auch hier geht es letztlich um Erinnerung.

Welche Geschichten erzählen wir über unsere Stadt?

Welche Menschen kommen darin vor?

Und welche Perspektiven wurden über Jahrzehnte oder Jahrhunderte übersehen?

Schwarze Geschichte ist dabei kein Randthema und auch kein Thema ausschließlich für den Black History Month.

Sie ist Teil der deutschen Geschichte.

Räume schaffen, Stimmen hörbar machen

Das Gespräch mit Glenda Obermuller zeigt, dass Community-Arbeit häufig dort beginnt, wo Menschen feststellen: Dieser Raum fehlt – also schaffen wir ihn selbst.

Ein Verein.
Eine Bibliothek.
Ein Netzwerk.
Ein Safe Space.
Eine Veranstaltung.
Oder ein Medium.

Was klein beginnt, kann Strukturen verändern.

Und vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen ihrer Arbeit und KORA: Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Geschichten selbst erzählen können.

KORA STIMMEN

Mehr Stimmen. Mehr Perspektiven.

KORA spricht mit Menschen, die gestalten, bewegen und neue Perspektiven hörbar machen – aus Köln und darüber hinaus.

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