Wer sich gesellschaftlich engagiert, beginnt nicht immer mit dem Plan, irgendwann politische Verantwortung zu übernehmen. Oft beginnt es viel näher am eigenen Alltag: mit Erfahrungen, Begegnungen – und mit der Erkenntnis, dass manche Dinge sich nur verändern, wenn Menschen selbst anfangen, sie mitzugestalten.
Carine Weber gehört zu diesen Menschen.
Sie wurde in Kamerun geboren, ist Diplom-Wirtschaftsingenieurin und lebt in Köln. Neben ihrem beruflichen Werdegang hat sie sich über Jahre ein zweites Wirkungsfeld aufgebaut: das gesellschaftliche und politische Engagement. Heute ist sie 1. Vorsitzende des Kölner Vereins agile diaspora deutschlands – adiade e.V. und eine der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration der Stadt Köln.
Hinter diesen Funktionen steht eine zentrale Frage: Wie können Menschen mit internationaler Familiengeschichte nicht nur Teil einer Gesellschaft sein, sondern diese auch aktiv mitgestalten?
Von Kamerun nach Köln
Carine Weber wurde in Kamerun geboren und absolvierte ein Studium zur Diplom-Wirtschaftsingenieurin. Ihr gesellschaftliches Engagement entwickelte sich insbesondere innerhalb der kamerunischen und afrikanischen Diaspora in Deutschland.
Bevor sie adiade e.V. leitete, war sie bereits Vorsitzende der Association des Camerounais du Rhin (ACR) e.V. Über dieses Engagement führte ihr Weg zunehmend in Strukturen, in denen nicht mehr nur einzelne Community-Projekte, sondern auch Fragen politischer Repräsentation und gesellschaftlicher Teilhabe eine Rolle spielen.
Ihre Geschichte macht zugleich eine Realität sichtbar, die in Deutschland noch häufig zu wenig erzählt wird: Menschen afrikanischer Herkunft sind längst nicht nur Adressatinnen und Adressaten von Integrationspolitik. Sie gründen Vereine, organisieren Bildungs- und Beratungsangebote, übernehmen Verantwortung und wirken selbst an politischen Entscheidungen mit.
„Aus Vielfalt wird Synergie“
2020 wurde in Köln adiade e.V. – agile diaspora deutschlands gegründet. Carine Weber ist seitdem 1. Vorsitzende des Vereins. adiade begleitet Menschen mit internationaler Familiengeschichte unter anderem durch Beratung, Orientierung, Sprachförderung, Bildungsangebote und Vernetzung.
Dahinter steht ein Ansatz, der Integration nicht als Einbahnstraße versteht. Wer ausschließlich darüber spricht, was Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland noch „lernen“ oder „leisten“ müssten, übersieht schnell, was sie bereits mitbringen: berufliche Erfahrungen, Sprachen, Netzwerke, kulturelles Wissen und neue Perspektiven auf gesellschaftliche Fragen.
Teilhabe bedeutet deshalb mehr als Integration im klassischen Sinne. Sie bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst gestalten können.
Vom Engagement in die Kommunalpolitik
Für Carine Weber führte dieser Weg schließlich auch in die Kölner Kommunalpolitik. 2021 rückte sie für den Kölner Verbund der Migrantenorganisationen (KVMO) in den damaligen Integrationsrat der Stadt Köln nach.
Seit November 2025 trägt dieses Gremium den Namen Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration. In seiner ersten Sitzung der neuen Wahlperiode wurde Weber zu einer der stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.
Zusätzlich leitet sie den Facharbeitskreis zu interkulturellen Zentren, Migrant*innenorganisationen, Gesundheit, Senior*innen und der Integration neu zugewanderter Menschen.
Damit treffen zwei Welten aufeinander, die eigentlich viel enger zusammengehören müssten: praktische Arbeit innerhalb der Community und kommunalpolitische Entscheidungsprozesse.
Sichtbarkeit allein reicht nicht
In Diskussionen über Vielfalt fällt häufig das Wort „Repräsentation“. Menschen unterschiedlicher Herkunft sollen in Politik, Verwaltung, Medien oder Kultur sichtbarer werden.
Doch Sichtbarkeit ist nur der erste Schritt.
Entscheidend ist, ob Menschen dort, wo Entscheidungen getroffen werden, tatsächlich mitreden und mitentscheiden können.
Gerade auf kommunaler Ebene wird deutlich, wie konkret diese Teilhabe werden kann. Es geht um Bildung, Beratung, Gesundheit, Verwaltung, Kultur, Antidiskriminierung oder die Frage, welche Angebote Menschen erreichen, die neu in einer Stadt sind.
Chancengerechtigkeit statt bloßer Gleichbehandlung
Dass der frühere Kölner Integrationsrat heute Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration heißt, ist mehr als eine sprachliche Veränderung.
Chancengerechtigkeit bedeutet nicht, allen Menschen einfach dasselbe anzubieten. Sie stellt vielmehr die Frage, ob Menschen unter unterschiedlichen Voraussetzungen tatsächlich vergleichbare Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Eine vielfältige Stadt wie Köln muss sich deshalb nicht nur fragen, wie gut Menschen mit internationaler Familiengeschichte „integriert“ sind. Sie muss sich genauso fragen, wie offen ihre eigenen Institutionen, Strukturen und Entscheidungswege sind.
Engagement beginnt mit Mitmachen
Der Weg von Carine Weber zeigt zugleich, dass politische Teilhabe nicht erst mit einem Mandat beginnt. Sie kann in einem Verein anfangen. Bei einem Projekt. In einer Nachbarschaft. In einer Migrant*innenorganisation. Oder einfach mit der Entscheidung, eine Perspektive einzubringen, die bislang fehlt.
Für eine afrodeutsche Community, die in Deutschland immer vielfältiger und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wird, ist genau diese Beteiligung entscheidend.
Nicht nur gesehen werden. Nicht nur gehört werden. Mitgestalten.
Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft ihres Engagements: Eine vielfältige Gesellschaft entsteht nicht allein dadurch, dass unterschiedliche Menschen nebeneinander leben. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Carine Weber im Gespräch mit KORA über ihren persönlichen Weg, gesellschaftliches und politisches Engagement, politische Teilhabe, Vielfalt und Chancengerechtigkeit in Köln.
Carine Weber im Gespräch mit KORA